|
Die Kreutzbach-Orgel ersetzte das 1617/18 von Heinrich Compenius d. J. errichtete Instrument, welches sich mit vielen
Reparaturen, Umbauten, Ergänzungen etc. über zweieinhalb Jahrhunderte erhielt.
Im Jahr 1881 hatte der Kirchenvorstand einen Antrag an den Stadtgemeinderat Markranstädt gerichtet, dem Antragsteller die
Kosten für die Beschaffung einer neuen Orgel vorzuschießen. Dieser wurde zurückgewiesen und so bedurfte es zweier weiterer
Anläufe, bevor nach langer Debatte Anfang Oktober 1885 schließlich zugestimmt wurde. Die Realisierung des Vorhabens,
so die Auflage, musste aber im Jahr 1886 erfolgen.
Der Kirchenvorstand ging sofort in die Offensive und begann zu erkunden, welche renommierte Orgelbaufirma der näheren
Umgebung mit einem möglichst kostengünstigen Bau beauftragt werden und wie das zu erwählende neue Instrument beschaffen
sein
sollte.
So wurden Orgelbauprospekte und Preislisten der Firmen Ladegast aus Weißenfels, Kreutzbach aus Borna (Foto links: Urban
Kreutzbach), Hildebrand und Walcker aus Leipzig aber auch zum Beispiel von der Firma Voit (Karlsruhe-Durlach) u. a.
beigezogen und studiert, wobei von vornherein ein zweimanualiges Instrument mit Pedal und insgesamt ca. zwei
Dutzend Stimmen favorisiert wurde. Auch der Kantor Moritz Eduard Fiedler (Kantor und Organist von 1883 bis 1887) wurde
zur Begutachtung verschiedener Orgeln der Umgebung in die Spur geschickt.
Schließlich war er von der Solidität, Sauberkeit und Akkuratesse der Kreutzbachschen Arbeit angetan. Ebenso der
technische Stand und die vorzügliche Tonfarbe einzelner Stimmen.
Nun, Kreutzbach hatte sozusagen die Nase vorn und letztlich erging der Auftrag für den Orgelneubau auch an ihn.
Die Orgel mit zwei Manualen, Pedal und 24 Stimmen sollte demnach 9.450 Mark kosten. So kam es am 12.05.1886 zum
Vertragsabschluss zwischen dem Kirchenvorstand aus Markranstädt und der Orgelbaufirma Kreutzbach aus Borna. Richard Kreutzbach
versah den Vertrag mit der Unterschrift -Urban Kreutzbach- und begründete damit die fortwährende Weiterverbreitung der
Aussage, die Orgel wäre von Urban Kreutzbach errichtet worden.
Der Stadtgemeinderat von Markranstädt hatte zunächst im Oktober 1886 der Gewährung eines Darlehens von 9.000 Mark für
den Orgelbau zugestimmt. Im gleichen Monat hatten auch die Kircheninspektion für Markranstädt und Göhrenz und die
königliche Amtshauptmannschaft Leipzig der Anschaffung einer neuen Orgel und deren Bezahlung durch die Kreditaufnahme der
Kirchengemeinde in Markranstädt zugestimmt. Eine Darlehenssumme von 10.000 Mark wurde im Stadtgemeinderat dann in der Sitzung
vom 10.11.1886 genehmigt. Da man sich doch noch zu einem Orgelgehäuse aus Eichenholz entschloss, kostete die Orgel dann
auch fast 10.000 Mark. Nach Maßgabe eines vereinbarten Tilgungsplanes wurde das Darlehen in 17,5 Jahren an die
Communalbank des Königreichs Sachsen zurückgezahlt. Am 30.06.1904 war es soweit. Zu diesem Zeitpunkt war der Erbauer
der Orgel, Richard Kreutzbach, bereits verstorben.
Was für ein Instrument war nun diese ca. 6 Tonnen schwere, vom Abnahmegutachter in den höchsten Tönen gelobte, in einem aus
Eichenholz im gotischen Stil gefertigten Gehäuse stehende, mit drei doppelten Kastengebläsen versehene pneumatische Orgel,
deren majestätische Klangfülle, die durch 24 Register mit insgesamt 1362 Pfeifen, wovon allein 45 tönende Pfeifen in 5
Feldern im Prospekt standen, erzeugt werden konnte, erstmals öffentlich am 31.12.1886 zu hören war?
Sie war ein allen Anforderungen ihrer Entstehungszeit insbesondere dem erreichten technischen Stand im Orgelbauwesen
Genüge tuendes Werk. Die beiden Manuale hatten einen Tonumfang von 54, das Pedal von 27 Tasten. Die Orgel, die allerdings noch
einen Bälgetreter benötigte, verfügte im I. Manual über zwölf, im II. Manual über
acht und im Pedal über vier Register nebst
Koppelungen, Kollektiv- und Kombinationspistons. Dominierend war im Klangbild der 8' (Fuß) Ton. Allein
zehn Register hatten
diese Pfeifenlänge, vier Register wiesen 16' und vier weitere 4' Länge auf. Die Stimmen des I. Manuals waren weit mensuriert und
kräftig intoniert. Die des II. Manuals hatten dem gegenüber eine enge Mensur und waren zart intoniert während die
Pedalregister die weiteste Mensur bei voller kräftiger Intonation aufwiesen.
In den Jahren 1899/1900 führte die Firma Kreutzbach im Rahmen der Restaurierung der St. Laurentiuskirche auch eine
Orgelrenovation durch, bei der neben Reinigungs- und Stimmarbeiten auch der Orgelprospekt – wie alles Holzwerk in
der Kirche – sein neugotisches Aussehen erhielt.
Mitten im ersten Weltkrieg wurden dann die 45 im Prospekt der Orgel stehenden Zinnpfeifen beschlagnahmt, enteignet und der
Rüstungsindustrie zugeführt. Damit war der größte Teil des Registers Prinzipal 8', der führenden Hauptstimme der Orgel
liquidiert worden. Dieser brutale Eingriff in die Substanz der Kreutzbach-Orgel konnte erst 1925 im Zusammenhang mit nötig
gewordenen Umbauten und umfangreichen Reparaturen – einschließlich der Elektrifizierung des Gebläses - durch die
Dresdner Orgelbaufirma Gebr. Jehmlich wieder behoben werden.
Sie ersetzte auch das empfindliche Zungenregister Oboe 8' im II. Manual durch die robustere neue Stimme Vox coeleste 8'.
Die Register des II. Manuals wurden in einen Schwellkasten eingebaut und die Orgel notwendigerweise nach der linken Seite
erweitert. Durch eine Umbauzurücksetzung konnte auch der Chorraum auf der Empore vergrößert werden.
Die Firma Jehmlich betreute die Markranstädter Orgel noch bis in die 1940er Jahre hinein mehr oder weniger sporadisch.
Im Jahr 1956 hatte der Orgelbaumeister Lahmann einen Kostenvoranschlag für seiner Meinung nach notwendige Arbeiten
an der Orgel vorgelegt. Nach Beendigung der technischen Überholung 1958 ließ sich der Orgelbauer Lahmann für
Umdisponierungsarbeiten einen speziellen Auftrag erteilen und legte einen Voranschlag für die "klangliche
Verbesserung" der Orgel vor. Er sah die Ersetzung eines 16'-Registers und dreier 8'-Register durch wesentlich
kleinere 1'-, 2'- und 4'-Register (z. B. Terz 1 3/5' und Larigot 1 1/3') sowie die Ersetzung der 2-3fachen Harmonia durch
eine Zimbel vor. Die Änderungen betrafen ca. 20 Prozent der vorhandenen Register, waren einschneidend, konnten aber
glücklicherweise den klassisch-romantischen Typus des Instruments insgesamt noch nicht ernsthaft gefährden. Diese in den
Jahren 1958 bis 1963 durchgeführten Arbeiten kosteten immerhin 6.300 Mark, von denen die Kirchgemeinde 4.800 und das
Landeskirchenamt 1.500 Mark zahlten.
Anfang 1979 wandte sich der damalige Pfarrer A. Voigt an den kirchlichen Orgelpfleger A. Rietzsch in Rödlitz/Sachsen mit der
Bitte um Übernahme der Orgelpflege und Schadensbehebung an dem nun über 90 Jahre alten Instrument. Dies führte nun endlich
dazu, dass große Bemühungen unternommen wurden, dass Klangbild der Orgel wieder stärker dem Original anzunähern. Ein
Magazinbalg wurde an das Gebläse angeschlossen, der Winddruck erhöht und der Quintchor der Rauschquinte wieder spielbar
gemacht, eine bessere Präzision der Traktur des II. Manuals und eine bessere Ansprache des Prinzipalbasses erreicht, sowie
die Repetitionsfähigkeit des II. Manuals verbessert.
Nach der Wende wurden zur Erhaltung der Funktionstüchtigkeit der Orgel notwendige Maßnahmen und Reparaturen (insbesondere
1996, Ende 2000 und Mitte 2003) u. a. von der Orgelbaufirma G. Ch. Bochmann aus Kohren-Sahlis durchgeführt.
Das herrliche Kreutzbach-Instrument, dem stimme ich voll zu, sei teilweise veränderungsbedürftig aber auch erneuerungswürdig
- so ein Fazit.
Und auch für die gegenwärtig über 13.000 Einwohner zählende Stadt Markranstädt ist der Umgang mit einem ihrer mit großen
Anstrengungen und finanziellen Opfern der Bürger geschaffenen Kulturgut nicht gleichgültig.
Der inzwischen eingeschlagene Weg der Wiederannäherung an die 1958 noch vorhandene organische Disposition unserer
Kreutzbach-Orgel sollte schließlich fortgesetzt werden. Um wieder eine homogene Disposition zu erhalten, müssen die
Register Blockflöte 2', Terz 1 3/5', Larigot 1 1/3' und Zimbel 1' wieder verändert werden, wobei im Ergebnis in jedes
Manual je eine 8'-Stimme zurückkehren sollte und zugleich auch das eingetretene Zungenstimmendefizit behoben werden muss.
Für dieses Ziel setzte ich mich nicht zuletzt als Kantor der St. Laurentiuskirche ein, auch die jährliche Durchführung
unseres Markranstädter Musiksommers sollte Motor auf diesem Weg sein.
Aber nicht nur die o. g. Arbeiten, auch die Erhaltung der Spielbarkeit unserer Orgel kostete jährlich eine nicht unerhebliche
Summe. Allen, die uns bisher mit ihrer Spende unterstützt haben, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
|

Richard Kreutzbach,
der Erbauer unserer Orgel

Detail des Prospekts

Detail des Orgelgehäuses

Das Pedal

Blick in die Pfeifen des II. Manuals

Pfeifen des Registers -Rohrflöte-

Zuleitungen (Bleiröhren) für die Tonsteuerung

Spieltisch
|